Wie kann denn Sünde vererbt werden? Sünde gründet immer in der persönlichen Entscheidung des einzelnen Menschen. Der Grundgedanke ist der, dass Menschen bereits vor ihrer eigenen Willensentscheidung in eine umfassende Unheilssituation hineingeboren werden. Diese Situation ist das Resultat menschlicher Geschichte und entspricht so nicht dem Willen Gottes: Sie ist eine Folge menschlicher Sünden, durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch und vom Anfang der Menschheitsgeschichte an.
So wurde der ganzen weiteren Geschichte ein negatives Vorzeichen mitgegeben, bzw. „vererbt“. Für den Apostel Paulus kommt der ganze Abgrund menschlicher Sündengeschichte im Kreuz Jesu Christi zum Ausdruck.
Einen aktuelleren Zugang kann uns die Überlegung vermitteln, dass jeder Mensch vom ersten Augenblick seiner Existenz an schwerwiegende Vorentscheidungen zu seinen Ungunsten zu "erleben" hat: "unselige Zustände" im Elternhaus, mangelnde Ausstattung in sozialer, intellektueller oder emotionaler Hinsicht. Kurzum: Es ist nicht vorstellbar, dass jemand keine Macken mitbekommen haben könnte. Ein wirklich befreites Leben kann sich kein Mensch selbst schenken. Er kann nur versuchen, sich nach besten Kräften "das Beste" für sich zu erkämpfen. Erlösungsbedürftig bleibt er aber dennoch.
Genau hier hilft die christliche Botschaft von der Erlösung durch Jesus Christus: Er - und nur er allein - ist imstande, eine wirkliche Erneuerung des Menschen zu bewirken und hat dies (das ist glaubende Gewissheit jedes Christen) bereits in seinem Tod am Kreuz bewirkt. Ohne ihn und seine Erlösungstat bleibt der Mensch letztlich - durch diese von Beginn an bestehende Unheilssituation (also durch die Erbsünde) - dauerhaft von Gott getrennt.
In der Taufe, als dem Sakrament der Eingliederung in die kirchliche Gemeinschaft, erhalten die Getauften Anteil an diesem Heil. Sie werden rein gewaschen von der Erbsünde und sind zur Freiheit der Kinder Gottes berufen.
Oder etwas akademischer ausgedrückt:
Die Lehre von der Erbsünde wurde vom Kirchenlehrer Augustinus (354-430) entwickelt. Die Sünde der Stammeltern Adam und Eva bestand darin, dass sie der Versuchung des Teufels zustimmten und das göttliche Gebot, eben nicht vom "Baum der Erkenntnis" zu essen, übertraten. Dahinter standen konkret Stolz, Hochmut und Mißtrauen gegenüber Gott und seinem Heilsplan. Zur Strafe für diese "Ursünde" gingen Adam und Eva der heilig machenden Gnade verlustig, d. h. sie verloren die Freundschaft Gottes. Ebenso sollten auch ihre Nachkommen das Fehlen dieser Gottesfreundschaft (Gnade) erfahren; darin besteht das Wesen der Erbsünde. Sekundärfolgen, aber mit der Erbsünde verbunden, sind die Anwesenheit von Leiden und Tod (als Strafe der Sünde), die Begierlichkeit (als ungeordnete Neigung zum Bösen) sowie eine Trübung der Erkenntnis und eine Schwächung des Willens. In der Taufe aber wird die Erbschuld getilgt, während die sekundären Folgen der Erbsünde dem Menschen zur sittlichen Bewährung belassen werden. In Jesus Christus verlieren die sekundären Folgen ihren Strafcharakter und werden zum Anlass und Mittel, mit der Gnade Gottes das Heil zu wirken. |